Redebeitrag der Emanzipatorischen Antifa Duisburg zur Kundgebung am 10.01.2015

Im Nachfolgenden dokumentieren wir den Redebeitrag der Emanzipatorischen Antifa Duisburg zur Kundgebung anlässlich des Anschlags auf das Satiremagazin Charlie Hebdo in Paris am vergangenen Mittwoch. Die Kundgebung hat am 10.01.2015 in Bonn stattgefunden.

Nous sommes Charlie, aussi!

Mit dem Angriff auf die Redaktion von »Charlie Hebdo« hat die neuste Welle des internationalen Djihadismus also endgültig auf schrecklichste Weise Europa erreicht, darauf deuten zumindest die Analysen von Sicherheitsexpert_innen hin. Getroffen haben sie mit »Charlie Hebdo« eines der exponiertesten Satiremagazine im französischsprachigen Raum, welches für sein humanistisches und vor allem strikt religionskritisches Selbstverständnis berühmt, aber auch berüchtigt ist. So sorgte das Magazin mehrfach mit als »obszön« eingestuften Karikaturen religiöser Gemeinschaften für Aufsehen in der Presselandschaft. 2006 wurden neben eigenen humoristischen Darstellung des Propheten Mohammed auch die als »Mohammed-Karikaturen« bekannt gewordenen Bilder der dänischen Jyllands-Posten abgedruckt, 2010 gewann die Zeitschrift einen Rechtsstreit um einen Beitrag, indem der Papstbesuch 2008 in Frankreich in einen Kontext vorangegangener pädophiler Übergriffe gerückt wurde. Bereits im November 2011 kam es zu einem mutmaßlich mit einer Mohammed persiflierenden Titelseite in Verbindung stehendem Brandanschlag auf die Räumlichkeiten der Redaktion, die Motive des Terroranschlages vom Mittwoch sind allem Anschein nach in den gleichen Gefilden zu verorten.

»Das hat mit dem eigentlichen Islam nichts zu tun!«

Was an diesem Beispiel tragisch hervortritt ist mehrerlei. Zuerst einmal liefert das Attentat den offenkundigen Beweis, dass das Entladen des antiwestlich, daher antiamerikanisch und antisemitisch, erscheinenden antimodernen Ressentiments in einem blutrünstigen Akt der offenen Barbarei kein lokales Phänomen des Mittleren und Nahen Ostens sowie Teilen Afrikas darstellt. Vielmehr antizipiert dieser Angriff (übrigens von perfekt französisch sprechenden Mujaheddin exekutiert), dass der islamistische Klerikalfaschismus als global ausgerichtete Bewegung zunehmend auch ein reales globales Problem darstellen wird. Anders gesagt: Der politische Islam muss in all seinen Ausprägungen als regressive Aufhebungsbestrebung des mittlerweile universal durchgesetzten Tauschprinzips begriffen und als repressive und rückständige politische Bewegung weltweit bekämpft werden.

Weiterhin verweist der islamisch-religiöse Charakter der Tat auf die oft übergangene Identität der Begriffe »Islam« und »Islamismus«, nicht im Sinne eines essentialistischen Wesens »des Islams«, sondern als übergeordneter Sammelbegriff »Islam«, dem eine Ordnungsfunktion dahingehend zukommt, dass unter ihm all diejenigen Ausprägungen zu subsummieren sind, die sich selbst als »islamisch/muslimisch« verstehen. Als ideologische Klammer dieser Ordnungskategorie »Islam« fungiert primär die Bezugnahme auf eine der unzähligen Interpretationen des Koran, wobei zwischen den unterschiedlichen Strömungen zuweilen beträchtliche Differenzen bestehen können. Dies impliziert zweierlei: Einerseits, dass es kein allgemeingültiges Verständnis »vom Islam« geben kann, welches sich aus einem ontologischen Wesensbegriff des Islam ableiten ließe, sondern dass lediglich jeweils in einem historischen Kontext eingebettete Ausprägungen existieren, deren konkreter Inhalt sich über verändernde gesellschaftliche wie globale Konstellationen bestimmt und materialistisch als ideologischer Reflex auf eben diese verstanden werden muss. Andererseits, und damit eng zusammenhängend, erweist es sich als schlichtweg unzulässig, den regressiven islamischen Ausprägungen unter Verweis auf eine vermeintlich fehlgeleitete Exegese der »Heiligen Schrift« das Recht, sich selbst als »islamisch« zu verstehen, abzusprechen. Es lässt sich folglich kein nicht-essentialistisches Argument ausmachen, nach dem eine liberale Auslegung »islamischer« oder »wahrheitsgemäßer« als eine regressive sei – und vice versa –, da dem Koran als in sich höchst widersprüchlichem Werk keine intrinsische sondern allenfalls interpretatorische Wahrheit zu entnehmen ist.

Linke und rechte Reaktionen auf den Anschlag

Der geläufige Ausspruch, demzufolge der Islamismus als gewaltförmige politische Bewegung nichts mit dem eigentlichen Islam zu tun hätte, erweist sich daher als irreführender und letztendlich apologetischer Trugschluss, der oftmals genau von den sozialen und politischen Gruppen lanciert wird, die durch seine Verwendung eine Auseinandersetzung mit der eigenen Mitverantwortung abwehren. Zu nennen seien hier die Mehrzahl der europäischen Islamverbände, die kurzerhand alles als »unislamisch« wegdefinieren, was ihren jeweils aktuellen Auslegungen zuwider läuft, ebenso wie ein Großteil ebenjener selbsternannten »Antirassist_innen«, die beständig den Schutz des individuellen Menschenlebens vor rassistischen Übergriffen mit der Verteidigung einer zum Kulturgut verhärteten Glaubensvorstellung gegen jegliche Form der Kritik vertauschen. Doch sind hier auch die islamischen Communities in die Verantwortung zu nehmen, aus deren Mitte sich die überwiegende Mehrzahl der radikalen Islamist_innen rekrutiert. Da Djihadist_innen nicht einfach vom Himmel fallen, sondern stets Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse sind, darf der Einfluss islamischer Sozialisation auf den Radikalisierungsprozess, besonders unter Jugendlichen, nicht unberücksichtigt bleiben. Dass die Communities und ihre Institutionen sich dergestalt von den Radikalisierten distanzieren, dass jene als der Gemeinschaft Außenstehende vorgestellt und nicht als aus ihnen hervorgegangenes Resultat begriffen werden, indem unliebsame Momente auf diese Weise systematisch extrahiert werden, ist zwar der dahinterstehenden Intention, den sozialen Frieden nach innen und außen zu gewährleisten, zuträglich. Die durch eine solche enorme Verdrängungsleistung bedingte mangelhafte Aufarbeitung des eigentlichen Gegenstandes bewirkt jedoch im Umkehrzug auch, dass der Nährboden für radikale Tendenzen innerhalb der Communities fruchtbar gehalten wird.

So richtig es ist, Muslime als Individuen vor rassistischen Projektionen in Schutz zu nehmen, so falsch ist es, »den Islam« als vermeintlich schützenswerte Kultur einer notwendigen kritischen Auseinandersetzung zu entziehen. Dass Menschen – speziell Muslime – allenfalls als Gattungsexemplare ihres vermeintlichen Gemeinwesens unter Schutz zu stellen seien und weniger als leidensfähige Individuen in ihrer empirischen Mannigfaltigkeit, gehört zum grundlegenden Missverständnis jener antiimperialistisch-postmodernen Linken, die sich von der Kritik an Religionen und gemeinschaftsstiftenden Kollektiven längst verabschiedet hat. Stattdessen schwingen sie sich zu Kultur- statt Menschenschützer_innen auf, die mit ihrem kulturrelativistischen Gerede von einer sogenannten »Islamophobie« das ideologische Rüstzeug zur Verstetigung der islamistischen Konterrevolution gegen die Moderne liefern. Dass nicht nur der politische Islam in der Form des islamistischen Djihadismus, sondern auch die überwiegende Mehrzahl der islamischen Glaubensrichtungen erzkonservative und rückständige Ideologien darstellen, die mit einem emanzipatorischen Selbstverständnis, das diesen Namen auch verdient hätte, schlichtweg nicht vereinbar sind, wird dabei geflissentlich ausgeblendet. Dies kulminiert dann in der bereits vielfach artikulierten Wahnvorstellung des Pariser Terroraktes als einer angeblichen False-Flag-Operation, die dazu dienen sollte, die Stimmung gegen Muslime anzuheizen. Detailverliebt werden die Videoaufnahmen der Überwachungskameras auf mutmaßliche Indizien für einen Inside Job hin untersucht, was hingegen mehr über das psychologische Bedürfnis und wahnhafte Weltbild derjenigen aussagt, die derartige Gewalttaten notorisch wie kontrafaktisch als Verschwörung gegen den Islam enttarnt sehen wollen, als über den eigentlichen Gegenstand.

Da mit dem Terroranschlag vom vergangenen Mittwoch der Djihadismus zwar den Beweis für seine globale Handlungsfähigkeit erbracht hat, jedoch keineswegs als pars pro toto für vermeintlich allgemeingültige Tendenzen »des Islams« an sich gelten kann, muss die propagandistische Verwertung der französischen Opfer durch die konformistisch revoltierende Bürgerbewegung »Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« (PEGIDA) als strategischer Winkelzug in eigener Sache verstanden werden. Deren Protagonist_innen geht es weniger um die Verteidigung der in Paris attackierten Presse-, Meinungs- und Religionsfreiheit oder der sogenannten »freiheitlich-demokratischen Grundordnung«, noch weniger um die reale Bedrohung durch die globale Djihad-Bewegung und erst recht nicht um das Leid der durch den islamistischen Terror bedrohten Nicht-Europäer_innen. Es geht ihnen vornehmlich um das abermalige Verschmelzen der Deutschen zur postnazistischen Volksgemeinschaft, die gegen ihr islamisches Pendant, die Umma, in Stellung gebracht werden soll. In schlechtester deutscher Manier wird der Versuch unternommen, Identität mit sich durch Abgrenzung gegenüber einem imaginierten Feind (denn nichts anderes ist das Fabulieren von einer vermeintlichen »Islamisierung des Abendlandes«, für die keine realitätsgerechte Entsprechung existiert) nach außen herzustellen. Somit können die projektiven Wahngebilde der PEGIDA in keinster Weise eine adäquate Antwort auf die real existierende Problematik des weltweiten grassierenden Djihadismus liefern. Ihr diffuser und indifferenter Islamhass erweist sich als ebenso notwendig falsches Projektionsbedürfnis wie die umstandslose Verteidigung des Islams seitens einiger linker Bewegungen.

Gegen die islamistische Konterrevolution – Für kommunistische Emanzipation

Bei allen bestehenden Differenzen ist der deutschen Konterrevolution in Gestalt der neurechten Bürgerbewegungen und der islamistischen das zentrale Moment gemein, dass sie ihrem Charakter nach wesentlich ideologische – daher notwendig falsche – Reaktionen auf die negative Totalität des Kapitalverhältnisses und damit einhergehend auf spätkapitalistische Krisensymptome darstellen. So gesehen handelt es sich hier um zwei Seiten derselben Medaille, die sich zwar an der Oberfläche unterscheiden, im Kern aber mehr ähneln als ihren ausführenden Charaktermasken bewusst sein dürfte. Einer kommunistischen Praxis, die an sich selbst den Anspruch stellt, auf die sich stetig wandelnden gesellschaftlichen Konstellationen angemessen reagieren zu können, sieht sich daher vor die Aufgabe eines Zweifrontenkampfes an der Seite der liberalen und aufgeklärten Muslime gestellt. An der einen Front gegen die islamistischen Tendenzen zur offenen Barbarisierung der Gesellschaften in Europa, aber auch und vor allem im Nahen und Mittleren Osten sowie in Teilen Afrikas, da die Leidtragenden des repressiven Alltags- und Tugendterrors gegenwärtig zuvorderst selbst in diesen Regionen wohnhafte muslimische Menschen sind; an der Anderen gegen die virulenten Bestrebungen zur postnazistischen Volksvergemeinschaftung, deren zeitgenössisches Epiphänomen Bewegungen wie PEGIDA oder HoGeSa bilden und die in ihrer antimodernen, da deutschen, Stoßrichtung ein nicht minder barbarisches Potential beherbergen als ihr islamistisches Pendant.

Dies bedeutet in erster Linie, dass der kritische Kommunismus der Gegenwart, wie die Initiative Sozialistisches Forum einmal schrieb, das Resultat der globalen Konterrevolution, nämlich »die Barbarei[,] als eine qualitativ neue, als eine dem Kapital einerseits entsprungene, andererseits entronnene Gesellschaftsform, […] als die negative Selbstaufhebung des Kapitals auf der Grundlage des Kapitals« begrifflich erfassen muss, um »der katastrophalen Entfaltung des Kapitals zu seinem Begriff, der Barbarei, kritisch innezuwerden«.